Entwicklung

Was ist das Besondere an diesen Arbeiten, die doch als klanglichem Grundstock von gebräuchlichen Instrumenten und jahrhundertealten Klangerzeugungsmethoden ausgehen. Es ist die Synthese einer gleichberechtigten Kombination von elektronischer- und akustischer Musik, die sich in diesen computergesteuerten Musikautomaten geradezu manifestiert.

Die Maschinen erzeugen Schall mechanisch, werden aber von einer elektromechanischen Apparatur in Bewegung versetzt, und von digitalen Signalen gesteuert. Diese „Musikroboter“ schließen die Lücke zwischen akustischer und elektronischer Musik, und verdeutlichen das Kontinuum zwischen beiden Musikpraktiken. (1)

Viele Arbeiten in diesen Entstehungsprozessen brauchen ihre Routine, folgen einem eigenen Rhythmus, haben ihre Eigenzeit. So wie heute. Für die Anschlagsmechanik des Spinetts sind 55 Trakturmagnete zu verbauen, d.h. Polster aufkleben, in ein vorbereitetes Raster einschrauben, Stromleitungen unterschiedlicher Farbkennung nach Plan verlöten, d.h. ablängen, abisolieren, Enden verdrillen, dabei Plus- und Minuspol nicht verwechseln, das sind immer die gleichen Handgriffe, 55 mal je 5 Minuten bei geruhsamem Arbeiten.

Der Weg zum Klang, die Arbeit am Instrument, ist mit sehr unterschiedlichen Klängen und Geräuschen verbunden. Sirren dünner Bohrer, Fräsmaschinenvibrationen, welche die Luft zittern lassen, die unsägliche Geräuschkulisse von Staubabsauganlage und Kreissäge oder Abrichthobel. Konzerte in der Neuen Musik scheinen manchmal diese Geräusch- und Klangkulisse aus der Werkstatt wiederzugeben.

Klang ist ein Ereignis in der Zeit. Er hat einen Beginn und ein Ende, mischt sich mit anderen Klängen, die ebenfalls ihre eigene Zeit haben. Vor dem Klang der Impuls, der Anstoß über ein steuerndes Element, es kann mechanisch oder über ein digitales Startsignal ausgelöst sein, es erfolgt ein Anschlag, oder eine Luftströmung, ein Zupfen oder ein Streichen, je nach Klangkörper, der in einer Saite, einer Labialpfeife, einem klingenden Stab oder einem Bronzebecken, einem Trommelfell oder einer Xylofonplatte den Anfangsimpuls setzt. Der Klang entsteht und gibt seine Energie an einen Resonator weiter, der ihn verstärkt, einfärbt, seine Frequenzen beeinflusst und der nachhallt, auch wenn der Anfangsimpuls bereits beendet ist und einem neuen Platz macht.

So sind also eine Reihe ganz unterschiedlicher Elemente am Entstehen und der Entwicklung des Klanges beteiligt und jeweils neu zu entwickeln. Dieses zu kontrollieren ist Aufgabe der Steuerungssoftware im Zusammenspiel mit den physischen Eigenheiten der Anschlagsmechanik. Hier muss auch dem Musiker ein regelnder Eingriff möglich sein, um Zeitwerte einstellen zu können und damit z.B. ein Tremolo in der gewünschten Qualität zu erzeugen. Das Tremolo wird erreicht durch getaktete Impulse, die aus dem Rechner kommen mit einer eindeutig definierten Tonlänge und Pausenlänge, also dem Abstand zwischen Ton AUS und erneutem Ton AN. Es geht hier also darum, neben dem Tempo des Tremolos diese Definition des Prozentanteils von Tondauer und Pausendauer variieren zu können, was übrigens für den Programmierer eine anspruchsvolle Aufgabe ist.

So wie der Klang eine Ereignis in der Zeit ist, gilt dies ebenso für gesamte Entwicklungs- und Herstellungsarbeit. Dem Anfangsimpuls, z.B. in Gestalt eines konkreten Auftrags, folgt eine Zeit des Studierens der verschiedenen nötigen „Gewerke“: wie soll der Klang entstehen, wodurch soll er ausgelöst werden, welche Anforderungen gibt es an Dynamik, Agogik und deren Beeinflussbarkeit u.ä., auch äussere Proportion, Gewicht, Einbausituation, Transportierbarkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit sind Faktoren, die in dieser Anfangszeit in eine „Machbarkeitsstudie“ einfließen. Vorzugsweise lassen sich diese Faktoren studieren an einem anfänglichen Modell, das erste Erkenntnisse und Entscheidungen zu Klangerzeugung zulässt. Auch werden hier die Risiken deutlich, mit denen im Herstellungsprozess zu rechnen ist. Selbst wenn am Modell und den Konstruktionszeichnungen „alles klar“ erscheint, ist es ratsam, Zeitschleifen einzubauen, d.h. in der Abfolge der Herstellungsprozesse Punkte zu definieren, wo eine Umkehr für alternative Lösungen möglich ist, ohne das ganze Werk von vorn beginnen zu müssen. Diese so definierten Punkte bilden die Gelegenheit zur Reflexion des bisherigen Arbeitsprozesses: ist der Weg wirklich der Richtige, haben sich Schwerpunkte verschoben, wurde zuviel Gewicht auf Ästhetik statt auf Funktionalität gelegt, haben sich Abkürzungen eingeschlichen, faule Kompromisse? Gäbe es eine Lehrsupervision für künstlerische Klangapparateentwicklung, an dieser Stelle hätte sie ihre Berechtigung.

– oder, jetzt ist die Zeit auszuatmen und einzuatmen, auch Geduld zu üben, mit sich und dem Werk. Oft geschehen an dieser Stelle erstaunliche Wendungen, stellen sich ursprünglich für wichtig erachtete Annahmen als unwichtig heraus, entstehen aus dem Nichts, aus zugelassener Intuition geniale Vereinfachungen. Dies gilt im Übrigens für alle Prozessphasen, die Konstruktionsphase, die Klangexperimente, die Entscheidung über Materialien und Herstellungsverfahren, die Werkstattabläufe und selbst die begleitende Dokumentation, ohne die nichts nachvollziehbar ist.

Was bleibt? Lust an der Suche nach neuem Klang, Erfahrungen mit Material und sich selbst und viel Aufmerksamkeit für das nächste neue Projekt.

(1) siehe auch den Artikel von Maciej Sledziecki „retro-futuristische Maschinenmusik von gamut inc“ in DIE ORGEL 4-2016

Gerhard Kern

Der Autor: Gerhard Kern, Jg. 1945, erste Berufsjahre als Feinmechaniker und Konstrukteur, danach Sozialarbeit und Erwachsenenbildung. 40 Jahre tätig als Supervisor und Organisationsberater, langjährige Mitarbeit im IHP in verschiedenen Funktionen, Schwerpunkt Supervsionsausbildung. Seit Eintritt in den Ruhestand arbeitet er als Musikmechaniker im Kontext Neuer Musik zusammen mit Komponisten, Orgelbauern, Musikern.